Praktikum

Praktikum am Lycée Saint-Exupéry in Blagnac

Ein Monat Frankreich pur!

Ein Bericht von Sophie Scheelen (Abiturjahrgang 2009)

Nach dem Abitur hat man ja so viel Zeit bis zum Beginn des Studiums – die Gelegenheit also, alle bisher unverwirklichten Reiseträume in die Tat umzusetzen!

So machte ich mich gleich nach der letzten Prüfung auf, um in den nächsten vier Wochen bis zu der offiziellen Abiturentlassungsfeier an unserer Partnerschule, dem Lycée Saint-Exupéry im sonnigen Süden Frankreichs, ein Praktikum zu abzuleisten und nebenbei noch viel tiefer in die französische Lebensart einzutauchen, als dass bei dem Austausch 2006 möglich gewesen war...

Meine damalige Gastfamilie und besonders meine ehemalige Austauschpartnerin Juliette hießen mich herzlich willkommen, denn wir hatten den Kontakt nie abreißen lassen und uns schon sehr auf das Wiedersehen gefreut. So waren wir uns alle schon vertraut, und nach ersten Gesprächen und dem üblichen ausgedehnten Abendessen mit der Familie ging es für mich gleich am nächsten Tag ins nahe gelegene Lycée, wo ich erst einmal M. Calastreng traf, einen der französischen Lehrer, der mich bei der gesamten Organisation des Praktikums tatkräftig unterstützte. Er drückte mir den Stundenplan der Sprach-Abiturklasse in die Hand und stellte mich unter anderem meiner „Patin“ in dieser Klasse vor, denn die erste (durch ein verlängertes Wochenende ziemlich verkürzte) Schulwoche verbrachte ich größtenteils in ihrem Unterricht, um mich ein bisschen einzugewöhnen.

Am Wochenende fuhren wir mit der ganzen Familie in die Pyrenäen, um zu wandern und die Pilgerstadt Lourdes zu besichtigen – ein herrlicher Ausflug! Außerdem war Kino, Kino, Kino angesagt – die sprichwörtliche Filme-Leidenschaft der Franzosen traf zumindest auf meine Familie voll und ganz zu!

In den nächsten Wochen war ich, wann immer ich nicht anderweitig beschäftigt war, im Unterricht der Sprach-Abiklasse, die gerade (jedenfalls was die Lehrer betraf…) mitten in den Vorbereitungen für das Abitur steckte. Dabei lernte ich den ja so ganz anderen französischen (Frontal-) Unterricht intensiv kennen. Ich war fasziniert vom Wissenstand der jungen Franzosen, zum Beispiel in Geographie und Geschichte. Besonders interessant fand ich auch das Fach Philosophie, welches acht Stunden pro Woche einnahm, obwohl der Unterricht wirklich eine Herausforderung war: Jeweils zwei Stunden lang feuerte die Lehrerin einen Endlos-Vortrag auf uns ab, nur widerwillig unterbrochen von der 5-Minutenpause und eventuell aufkommenden Diskussionen über die Logik ihrer Aussagen.

Außerdem begleitete ich in dieser Zeit den englischen Fremdsprachenassistenten und eine Referendarin zu ihren Englischkursen und mehrere französische Lehrer/-innen in den Deutsch- und Englischunterricht, wo ich manchmal mit der einen Hälfte der Klasse arbeitete, während die andere Unterricht bei dem „richtigen“ Lehrer hatte, sodass ich erste Erfahrungen in diesem Bereich sammeln konnte. Jedoch waren die französischen Schüler einfach den oben schon angesprochenen Stil des Unterrichtens gewohnt, wodurch eine für uns hier in Deutschland „normale“ Unterrichtsgestaltung meinerseits nicht umzusetzen war.

Allerdings nutzte ich jede Stunde eines besonderen Unterrichtfachs: Die sogenannte „classe européenne“, welche man entweder auf Englisch, Deutsch oder Spanisch hatte und wo dementsprechend die jeweilige Landeskunde, auch aktuelle Entwicklungen, durchgenommen wurde. Dies ist ein im Gegensatz zum restlichen Unterricht ziemlich lockeres Fach, in dem auch mithilfe des Internets gearbeitet wird. Hier, d. h. in den deutschen Classe-Européenne-Kursen, konnte ich den Schülern oft mit Informationen aus erster Hand weiterhelfen. Später habe ich dann sogar die mündlichen Probe-Abiturprüfungen in diesem Fach auf Deutsch und Englisch mit den Schülern durchgeführt.

Aber auch wenn die Schule einen großen Teil meiner Zeit einnahm – schließlich war ich, abgesehen von der Mittagessen-Pause, meistens erst gegen 16 oder 17 Uhr zuhause – war der andere Teil mindestens genauso wichtig. Ich hatte echt Glück, dass in diesem Zeitraum diverse freie Tage auch außerhalb der Wochenenden lagen. So waren wir zum Beispiel auf einem Konzert in Toulouse, ein langes Wochenende bei der Goldenen Hochzeit von Juliettes Großeltern (ein einziger Traum), gingen oft essen, feierten die Geburtstage von Juliette und ihrem Freund und und und… Die Nachmittage und Abende mit der Familie habe ich sehr genossen: mein Gastvater ist ein absoluter Film-, Musik- und Fotografiefan, sodass wir häufig abends nach dem geselligen Essen noch Filme sahen, und zwar immer in der Originalsprache mit französischen Untertiteln.

Mittwochs war der Nachmittag unterrichtsfrei, daher bin ich immer mit dem Bus nach Toulouse gefahren und durch Gassen, Geschäfte, Parks und natürlich an der Garonne entlang gestreift. Weil es zu dieser Zeit teilweise schon richtig warm war, profitierte ich auch ausführlich von dem Pool meiner Familie.

So sind die Tage wie im Flug vergangen und es bleiben unvergessliche Erinnerungen an einen der bisher besten Monate meines Lebens: Nicht nur hat sich mein Französisch viel mehr verbessert, als es im normalen Schulunterricht je möglich war, ich bin auch selber einerseits durch die vielen Begegnungen und Gespräche mit neuen Menschen, andererseits durch die Situation des Auf-Sich-Allein-Gestellt-Seins in einem anderen Land viel lockerer und selbstständiger geworden.

Sowohl von den französischen Schülern als auch von den Lehrern sowie natürlich von meiner unvergleichlichen Gastfamilie wurde ich wirklich freundlich aufgenommen, ein riesiges Dankeschön gilt an dieser Stelle M. Calastreng, der mir bei allen schulischen Dingen immer geholfen hat! Selbst wenn ich letztendlich selber nicht so viel unterrichtet habe, hat mir dieses Praktikum nicht nur auf sprachlicher Ebene „etwas gebracht“, so beispielsweise die Erfahrung eines doch recht anderen Schulsystems und seinen Unterrichtsformen – von den unzähligen privaten Vergnügungen mal ganz abgesehen!

Sophie Scheelen