Tag 9: Ein letzter Blick zurück und ein Stück Frankreich im Herzen

Ein letztes gemeinsames Frühstück, die letzten Sachen im Koffer und das Wissen, dass die gemeinsame Zeit bald vorbei sein würde: Unser Frankreich-Austausch neigte sich so langsam dem Ende zu. Noch einmal verbrachten wir den Morgen in unseren Gastfamilien, bevor wir uns auf den Weg zum Treffpunkt machten. Was in den vergangenen Tagen selbstverständlich geworden war, das Zusammensein, die Gespräche und die vielen gemeinsamen Erlebnisse, würde bald wieder zum Alltag in zwei verschiedenen Ländern gehören. Vor der Schule trafen wir uns noch ein letztes Mal als Gruppe. Unsere Koffer waren gepackt, die Heimreise stand bevor und langsam wurden die Gedanken an den Abschied Wirklichkeit.

Schließlich machten wir uns auf den Weg zur Bushaltestelle. Dort angekommen, hieß es dann plötzlich, wir sollten den gesamten Weg zum Flughafen zu Fuß zurücklegen. 1 h und 15 min laufen, voll bepackt und ausgerechnet am letzten Tag unseres Austauschs??? Für einen Moment hielten wir das tatsächlich für möglich, denn unsere Lehrer blickten uns dabei so ernst an, dass wir ihnen beinahe alles abgenommen hätten. Glücklicherweise stellte sich alles nur als Scherz heraus. Wenig später saßen wir schon im Bus und sahen Toulouse an uns vorbeiziehen. Mit jedem Kilometer kamen wir dem Flughafen näher und dem Moment, an dem wir unsere französischen Freunde zurücklassen mussten. Am Flughafen schien zunächst alles seinen gewohnten Gang zu nehmen. Doch dann fiel für wenige Sekunden der Strom aus. Ein kurzer Augenblick, kaum länger als ein Wimpernzucken, genügte, um die Systeme am Flughafen vorübergehend lahmzulegen. Allein die Gepäckabgabe zog sich dadurch deutlich länger hin als erwartet.

Während wir warteten, kreisten unsere Gedanken nicht nur um den bevorstehenden Abschied. Auch unsere Koffer bereiteten einigen von uns Sorgen. Immerhin durfte jedes Gepäckstück höchstens 23kg wiegen. Bei manchen sah es so aus, als könnte die Waage eine unangenehme Überraschung bereithalten. Würde das Gewicht noch stimmen, oder müssten wir am Ende doch etwas aus- oder umpacken? Zum Glück gab es Entwarnung: Kein Koffer überschritt das erlaubte Gewicht. Die Minuten verstrichen, während wir darauf warteten, endlich weiterzukommen. Unsere französischen Austauschpartner warteten derweil noch auf uns. Dabei hätten wir diese Zeit viel lieber mit ihnen verbracht, statt in einer Warteschlange zu stehen. Als wir unsere Koffer nun endlich abgegeben hatten, gab es kein Zurück mehr. Für ein letztes gemeinsames Gruppenfoto fanden wir uns noch einmal zusammen. Und dann kam der Moment, den wir am liebsten noch ein wenig hinausgezögert hätten. Wir verabschiedeten uns voneinander. Aus den letzten Gesprächen wurden herzliche Umarmungen, aus einem Lächeln wurden Tränen. Wo eben noch gelacht und geredet worden war, lag plötzlich eine ganz andere Stimmung in der Luft. 9 Tage lang hatten wir Zeit miteinander verbracht, gemeinsam gelacht, waren zusammen zur Schule gegangen und hatten Neues erlebt. Es waren Erinnerungen entstanden, die uns noch lange begleiten würden. Was am Anfang fremd gewesen war, fühlte sich inzwischen vertraut an, und Menschen, die uns zunächst kaum bekannt gewesen waren, waren uns ans Herz gewachsen. Genau das machte den Abschied umso schwerer. Und nun sollten wir einfach gehen? Sollten wir unsere Freunde zurücklassen, ohne zu wissen, wann wir uns wiedersehen würden? Vielleicht in ein paar Monaten, vielleicht erst in einigen Jahren oder überhaupt noch einmal? Gerade weil dieser Rückaustausch das letzte von der Schule organisierte Wiedersehen war, blieb die Frage nach einem nächsten Treffen offen. Natürlich freuten wir uns auch darauf, wieder nach Hause zu kommen, doch am liebsten hätten wir die gemeinsame Zeit einfach verlängert. Wäre es nicht schön gewesen, sich alle paar Monate wiederzusehen, als läge zwischen Frankreich und Deutschland nur eine kurze Zugfahrt statt einer ganzen Grenze? Doch irgendwann mussten wir los.

Schweren Herzens drehten wir uns um und gingen zur Sicherheitskontrolle. Ein letzter Blick zurück, ein letztes Winken. Dann trennten sich unsere Wege vorerst. Während die französischen Austauschpartner zurück zum Unterricht kehren mussten, war für uns die Reise noch lange nicht vorbei. Auch an der Sicherheitskontrolle mussten wir noch eine Weile warten. Der erste Flug lag nun vor uns doch trotzdem ließ sich der Abschied nicht einfach abschütteln. Er begleitete uns wie ein leiser Schatten, während wir auf den Abflug warteten. Dann ging es endlich los. Unser Flugzeug hob in Toulouse ab und brachte uns nach Paris. Unter uns wurde die Stadt langsam kleiner, während wir uns immer weiter von den Orten entfernten, an denen wir in den vergangenen Tagen so viel erlebt hatten. Vielleicht dachte der eine oder andere in diese Momente noch einmal zurück. Der Himmel lag vor uns, doch ein Teil unserer Gedanken war noch immer in Frankreich.

In Paris angekommen, war an ein entspanntes Zurücklehnen allerdings noch nicht zu denken. Für den Weiterflug nach Hamburg mussten wir zunächst in einen Flughafenbus steigen, der uns zu unserem nächsten Flugzeug brachte. Ein weiterer Weg, ein weiterer Flug und schließlich das Ziel, auf das wir gewartet hatten: Deutschland. Inzwischen machte sich die Erschöpfung deutlich bemerkbar. Die vergangenen Tage waren wie ein Wirbelwind. Nun forderte die Müdigkeit ihren Tribut. Einige schliefen, andere hörten Musik oder vertrieben sich die Zeit mit Spielen. Doch selbst hoch über den Wolken riss der Kontakt zu unseren französischen Freunden nicht ab. Wir schrieben Nachrichten, berichteten von unserem Zwischenstopp und meldeten uns, sobald wir angekommen waren. So überbrückten unsere Worte die Entfernung, die zwischen uns immer größer wurde. Schließlich landeten wir in Hamburg. Von dort aus ging es mit der S-Bahn weiter nach Buxtehude. Am Morgen hatten wir noch mit unseren Gastfamilien am Frühstückstisch gesessen, und nun lagen bereits Hunderte Kilometer zwischen uns und den Menschen, von denen wir uns erst wenige Stunden zuvor verabschiedet hatten.

Doch was bleibt von einer Reise, wenn die Koffer ausgepackt, die Fotos gespeichert und die letzten Kilometer zurückgelegt sind? Es sind die Erinnerungen an gemeinsame Momente, die Gespräche, das Lachen und vor allen Dingen die Menschen, die diese Zeit so besonders gemacht haben. Unser Austausch hat uns nicht nur den Alltag und die Kultur Frankreichs nähergebracht, sondern uns auch ermöglicht, neue Freundschaften zu schließen. Vielleicht können wir nicht bestimmen, wann und wie wir uns wiedersehen. Doch eins ist sicher: Freundschaften müssen nicht mit einem Abschied enden. Sie können Grenzen überwinden, Entfernungen überstehen und mit jeder Nachricht ein Stück lebendiger werden. So kehrten wir zwar nach Deutschland zurück, ließen aber einen Teil unseres Herzens in Frankreich. Und wer weiß: Vielleicht ist unser letztes Au revoir eines Tages nur die Erinnerung an ein Wiedersehen, das längst begonnen hat.


Isabelle